TEIL 2 – Die Nordinsel

Der Nordinsel Neuseelands eilt der Ruf voraus, sie sei weniger schön als ihre südliche Schwester. Sie ist kleiner, beherbergt drei viertel aller Einwohner des kompletten Landes und besitzt die größeren Städte. Egal ob man andere Reisende, erfahrene Langzeitauswanderer oder das Internet befragt… die Empfehlungen, weniger Zeit für den Norden einzuplanen, sind immer gleich. Auch wir haben der Nordinsel nur sieben unserer insgesamt 25 Tage gewidmet, haben längst nicht alles gesehen, können aber dennoch bestätigen, dass die Zeiteinteilung gerechtfertigt ist… wahrscheinlich liegt das aber an der völligen Reizüberflutung während der Tour über die unglaublich abwechslungsreiche und atemberaubende Südinsel… denn zu sagen, der Norden Neuseelands sei nicht schön, wäre schlichtweg gelogen und unfair gegenüber den tollen Erlebnissen unserer letzten Woche im „Land der langen weißen Wolke“.

Unsere Tour auf der Nordinsel
Wir waren uns von Anfang an einig, dass wir keine Großstädte anschauen möchten, diese weitestgehend meiden und versuchen zu umfahren… so auch die Hauptstadt. Sicherlich gibt es dort einiges zu sehen und der Charme soll ein ganz besonderer sein, welcher für uns aber irgendwie uninteressant war. Zwar legte unsere Fähre direkt im Hafen von Wellington an, aber wir flüchteten sofort Richtung Norden, raus der Metropole, weg von all‘ den Menschen, rein in die Natur… immer Richtung MEER 🙂

Trotzdem müssen wir fairerweise sagen, dass Neuseeland wirklich sehr, sehr hübsche, gemütliche und teilweise verschlafene kleine Städtchen und Dörfchen hat. Egal wie winzig der Ort ist, es gibt meist eine Tankstelle, mindestens einen Tante-Emma-Laden mit allem, was das Herz begehrt und ein Geschäft für Autoreparaturen oder große Landmaschinen. Oft findet man in den Seitengassen die schönsten Cafés mit den leckersten Kuchen. Die Menschen leben nach einer anderen Uhr als wir in Deutschland… hier heißt das die „INSELZEIT“…nicht hetzen, nicht stressen, nicht nerven, von vornherein mehr ZEIT für alles einplanen… sich ZEIT nehmen… ZEIT haben… Leben und leben lassen! 

Wir können uns nicht erinnern, dass wir nur einen einzigen gestressten, mies gelaunten Menschen getroffen oder zumindest gesehen haben. Die Neuseeländer haben Spaß an ihren Jobs. Sie lachen, wenn sie Dir deinen Kaffee servieren und grinsen noch mehr, wenn sie dir in der Baustelle das „Stop“- oder „Go“- Schild entgegenstrecken können! Selbst wenn der Verkehr durch eine Ampel geregelt wird, es gibt IMMER mindestens einen Bauarbeiter, der freundlich lächelt und grüßt. Ohne Mist… hier freuen wir uns tatsächlich über jegliche Art von Wartezeit aufgrund des Straßenbaus… einfach weil die Menschen so glücklich und freundlich sind! Und wir alle wissen genau, wie jeder einzelne von uns zu Hause auf deutschen Straßen flucht, vor „vermeintlicher Verzweiflung“ in das Lenkrad beißt und Tag für Tag dem Autofahrer-Tourette-Syndrom verfällt! Gibt es eigentlich einen einzigen vernünftigen Grund dafür? NEIN! …aber das werden wir wohl nie lernen! 🙁 Es gibt hier zum Beispiel auch hunderte dieser einspurigen Brücken – das heißt während einer fahren darf, muss der andere warten… UND das funktioniert ohne böse Blicke, Gemecker oder Gehupe! Ganz im Gegenteil, auch wenn derjenige zuerst fährt, der eigentlich keine Vorfahrt hatte (das ist mit dicken und dünnen Pfeilen geregelt), wird sich immer noch freundlich gegrüßt und für die Vorfahrt bedankt. Es gibt Dinge, welche wir uns nach unserer Reise behalten wollen, und das gehört definitiv dazu…

„Gelassen bleiben und lächeln – die hohe Kunst der Selbstbeherrschung!“

Als eine der schönsten Wanderungen Neuseelands wird er angepriesen – der Tongariro Alpine Crossing – eine knapp 20 Kilometer lange Tour durch die Vulkanlandschaft der Nordinsel. Doch die große Beliebtheit und ein mittelmäßiger Schwierigkeitsgrad führt leider auch zu einer regelrechten Massenbewegung! Der Tongariro Crossing wird jährlich von circa 25.000 Wanderern begangen und in Spitzenzeiten tummeln sich um die 700 Menschen pro Tag auf dem Weg! Also wenn jemand eine Wanderung in Neuseeland macht, dann ist es vermutlich genau diese! Wir hatten es schon befürchtet und es ist tatsächlich eingetreten… gefühlt reihen sich hier alle Touristen Neuseelands aneinander und überqueren das Vulkanmassiv gemeinsam. Und ihr wisst, wie sehr wir uns über viele unbekannte Menschen in unserer Nähe freuen! Trotz unseres Starts um 6:30 Uhr waren wir hier alles andere als allein. Es blieben uns also zwei Möglichkeiten… entweder abwarten und die Massen erst einmal laufen lassen (wobei wir nicht wissen wieviele Millionen noch nachkommen) oder sich schnellen Fußes vorn an die Spitze setzen 🙂 Also im Grunde gab es nur DIE EINE Möglichkeit! …Und hier möchten wir gleich anmerken (speziell diejenige, welche vornweg läuft), dass wir solche überaus wichtigen, das weitere Zusammenleben tangierenden, sportlich höchst anspruchsvollen, die Laune des halben Tages betreffenden, grundlegenden Entscheidungen immer GEMEINSAM treffen! …nur falls hier bei unseren treuen Lesern vielleicht ein falsches Bild entsteht… von der Sklaventreiberin oder Ähnlichem 🙂

Es ist im Grunde immer der gleiche Ablauf… Wir schniefen und fluchten beide ununterbrochen in uns hinein und fragten uns wieder und wieder, was wir hier eigentlich tun… um letztendlich festzustellen, dass sich jede einzelne Schweißperle gelohnt hat und wir dem inneren Schweinehund einmal mehr gezeigt haben, wer hier der Boss ist 🙂 Die menschliche Perlenkette bröckelte und mit jedem Meter konnten wir die Landschaft dieses faszinierenden Nationalparks der Nordinsel mehr und mehr genießen… was auch die jährlichen Besucherzahlen erklärt… denn einfach alles hier, im Weltkultur- und Weltnaturerbe der UNESCO ist wunderschön.

Aber es ist nicht die Überquerung des Massivs allein, welche diese Region so besonders macht… denn fährt man weiter durch die vulkanisch aktiven Zonen, dampft es aus nahezu jeder Erdspalte… in der Mitte des Kreisverkehrs, in den Wäldern und zwischen den Häusern steigt der “weiße Rauch” empor. Beinahe beängstigend bei der Vorstellung, wie es wohl unter der Erdoberfläche brodelt. Richtig hautnah ist das alles im Wai-O-Tapu-Nationalpark zu erleben, dessen Name seinen Ursprung in der Maori-Sprache hat und als “heiliges Wasser” übersetzt wird. Auf einer 18 Quadratkilometer großen Fläche können wir an Kratern, heißen Quellen, durch Minerale gefärbte Tümpel sowie Schlammteiche, aus welchen Gase aufsteigen und an der Oberfläche als Schlammblase zerplatzen, vorbei spazieren. Die Luft ist extrem schwefelhaltig und besitzt dadurch einen gewöhnungsbedürftigen, ab und an auch kopfschmerzbereitenden, nach faulen Eiern riechenden Duft…

Und dann ist da noch Lady Knox! Diese impulsive Dame zeigt jeden Morgen, pünktlich kurz nach zehn Uhr, was sie für eine Kraft hat! Allerdings ist dieser Geysir leider kaum oder gar nicht mehr selbst aktiv (hier scheiden sich jedoch die Geister, denn die Neuseeländer erzählen den Touristen das Gegenteil). Der Geysir reagiert nur, wenn in seine Öffnung Seife eingefüllt wird. Dadurch entstehen zwischen 10 und 20 Meter hohe Fontänen, welche über mehrere Stunden sprudeln können. Wir haben uns das Spektakel trotzdem angeschaut… manchmal muss es eben Touri sein 🙂

Langezeit haben wir das folgende Thema vor uns hergeschoben… und dennoch haben wir uns für die Fahrt in das „Auenland“ entschieden. Ja, wir gehören zu den (tatsächlich) 40 Prozent der Hobbiton-Besucher, welche weder die Filme gesehen, noch die Bücher gelesen haben! Als Unwissende und vollkommene Banausen hinsichtlich der Hobbit-Trilogien beginnen wir natürlich erst einmal zu googeln! Wir sind im Land der Hobbithöhlen, in Mittelerde, in Beutelsend… und wollen die wohl einmalige Chance nutzen, das auch zu sehen und vor allem zu verstehen! Aber um was genau geht es überhaupt …?

Wikipedia sagt unter anderem… „Hobbits oder Halblinge sind fiktive, 60 bis 120 cm große menschenähnliche Wesen in der von J.R.R. Tolkien geschaffenen Fantasiewelt Mittelerde. Sie spielen in den Romanen „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ eine tragende Rolle, ebenso in den Verfilmungen von Sir Peter Jackson. Die Proportionen des Körperbaues entsprechen dabei weitgehend denen eines normal ausgewachsenen Menschen. Außerdem haben sie behaarte und außergewöhnlich große Füße mit lederartigen Sohlen und tragen selten Schuhe. Weitere Merkmale sind lockige Haare sowie charismatische, aber selten wirklich schöne Gesichter. Trotz aller Unterschiede sind Hobbits eine Nebenlinie der Menschen Mittelerdes und tragen damit das gleiche Schicksal wie diese: die Sterblichkeit von Körper und Seele. Nach ihrer großen Wanderung wurde das Auenland die Heimat der Hobbits. Das hügelige Auenland befindet sich im Westen von Mittelerde und ist zum Bau von Hobbithöhlen gut geeignet.“ Und dieses Stückchen Erde auf einer Privatfarm der Familie Alexander schauen wir uns jetzt erst einmal genauer an…

Es ist wirklich verrückt, wie liebevoll Hobbiton auch heute noch, Jahre nach den Dreharbeiten, gepflegt wird… hier stimmt einfach jedes Detail. Fruchtbare Gärten, gerade geerntetes Gemüse, frisch gewaschene Wäsche und dampfende Schornsteine… fehlen nur noch Bilbo und Frodo! Mindestens eine von uns fühlt sich hier richtig wohl… endlich Häuser in der passenden Größe 🙂 Fest steht auf jeden Fall, dass sich der Besuch auch für NICHT-Hobbit-und-Herr-der-Ringe-Nerds lohnt und dass wir uns die Filme an einem oder eher mehreren gemütlichen Abenden in der Heimat unbedingt anschauen müssen!
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal Neuseelands ist das inoffizielle Nationalsymbol – der KIWI. Ein eigentlich unscheinbarer, flugunfähiger Vogel, ungefähr so groß wie ein Huhn, welcher aufgrund seiner Einzigartigkeit und Seltenheit zu DEM Tier des Landes geworden ist. Langezeit hatte der kleine Kiwi in seinem Inselparadies keinerlei Feinde, er musste sich nicht verstecken, wurde nicht gejagt und stand in der Nahrungskette ganz oben, sodass er das Fliegen im Laufe vieler Jahre einfach verlernte. Doch irgendwann kam der Mensch und brachte alles aus dem Gleichgewicht! Nicht dass die Menschen den Kiwi jagten, im Gegenteil… der Plan war ein völlig anderer… welcher nur leider nicht zu Ende gedacht wurde. Mithilfe von „eingeflogenen“ Opossums und Frettchen wollten die Neuseeländer der Hasenplage Herr werden. Leider erkannten die gefräßigen „Neuankömmlinge“, dass es weitaus einfachere Beute gibt, als die flinken Karnickel… zum Beispiel die blinden, flugunfähigen, nichts ahnenden Kiwis. So nahm die Zahl dieser einzigartigen Vögel nach und nach rapide ab. Heute sind sie extrem selten und nur mit sehr, sehr viel Glück, nachts in den Wäldern im Unterholz in freier Natur zu finden. Auch wir haben uns auf die Suche gemacht, sind nach Einbruch der Dunkelheit an zwei verschiedenen Nächten durch die Kauri-Wälder gepirscht… und JA, natürlich hatte mindestens eine von uns wieder die schlimmsten Entführungs-Szenarien im Kopf… NACHTS ALLEIN IM FINSTERSTEN ALLER WÄLDER!!! Während die Träumerin furchtlos loszog, durchspielte die Realistin alle Überfallmöglichkeiten… naja, ihr kennt uns ja mittlerweile 🙂 …doch außer weiteren abenteuerlustigen, Kiwi-suchenden Touristen haben wir nichts gesehen. Leider ist es uns nicht gelungen, einen der Vögel zu entdecken. Aber wir bilden uns zumindest ein, welche gehört zu haben… denn die kleinen Kiwis schniefen nämlich während der Futtersuche wie kleine Schnupfnasen – also wir glauben ganz fest daran, dass wir das gehört haben 🙂

So langsam mussten wir uns nun vor Augen halten, dass unser Camperleben bald vorbei ist. Niemals hätten wir nur ansatzweise gedacht, dass es tatsächlich schwer fallen würde, unseren kleinen Rudi abzugeben! Er fuhr mit uns über 5000 Kilometer durch eines der schönsten Länder der Welt und hat uns keine einzige Minute im Stich gelassen. Und wieder haben wir gemerkt, dass es nicht viel zum Glücklich sein benötigt…

„Irgendwann ändern sich nicht die Dinge, sondern die Bedeutung, die wir Ihnen geben.“