Der erste Urlaub nach unserer Weltreise! Nach reichlich fünf Monaten Heimat, wertvoller Zeit mit Freunden und Familie… aber auch viel Arbeit, sich langsam einschleichendem Alltag und dem allmählich wachsenden Wunsch nach einer Rückkehr in das Unbekannte, Leichte und Abenteuerliche packt uns so langsam das Fernweh. Auf der einen Seite sind wir glücklich und zufrieden, zehren noch immer von unendlich vielen Erinnerungen… aber andererseits sind wir im Kopf mehr unterwegs als zu Hause und irgendwie schon wieder neugierig auf neue Länder, Kulturen und Erlebnisse. Doch wie fühlt es sich eigentlich an, ganz normale zwei Wochen zu verreisen, wenn man vorher das wohl größte sechsmonatige Abenteuer des Lebens hatte? Die Antwort ist genauso einfach wie kompliziert: Richtig komisch! Oft haben wir uns gefragt, wie unsere Zeit nach der Weltreise wohl aussehen wird? Verändern wir uns oder kommen wir zurück und machen einfach so weiter wie bisher?

Die Antwort darauf blieb lange Zeit aus und kommt nicht von jetzt auf gleich. Erst nach und nach, Stückchen für Stückchen merken wir, dass mit den Monaten irgendwie doch alles ein wenig anders ist… Natürlich sind wir nach wie vor „Wir2“ wie man uns kennt und hoffentlich auch liebt 🙂 …aber in unseren Köpfen hat sich dennoch einiges gedreht. Wir sehen in vielerlei Hinsicht einfach keine Probleme mehr, wo früher vielleicht welche waren. Wir lassen es einfach auf uns zu kommen… denn es gibt IMMER für ALLES eine Lösung! Die bevorstehenden zwei Wochen Albanien fühlen sich momentan an wie ein kurzer Wochenendtrip. Selbst im Flugzeug, bereits abgehoben und über den Wolken, können wir nur schwer realisieren, dass wir verreisen. Wir landen keine zwei Stunden später bei sonnigen 27 Grad in Tirana, einer anderen Welt als die uns Vertraute, aber greifen können wir das derzeit noch nicht… ein Gefühl, welches wir beide gleichermaßen haben und nur schwer in Worte fassen können.

Wenn wir jedoch eines auf unserer großen Reise gelernt haben, dann ist das die Erkenntnis, dass wir zu 90% die gleichen Gedankengänge haben. Ob das gut ist…? Wahrscheinlich manchmal mehr und manchmal weniger 🙂 Größtenteils finden wir es aber schon ziemlich praktisch! Es erspart viele Erklärungen und Worte, die vielleicht auch falsch verstanden werden könnten. Wir sind definitiv nicht immer einer Meinung aber wir blicken, denken und fühlen oft in dieselbe Richtung… was uns wohl auch den Anfang dieser Reise, inklusive dieses ganzen Gefühlschaoses um einiges erleichtert!

Ein zweiter, überaus wichtiger Aspekt, welchen wir gelernt haben anzuwenden… Nimm die Dinge einfach so hin wie sie sind und blicke mit einer gewissen Gelassenheit darauf! Und glaubt uns, es gibt so verdammt wenig Augenblicke im Leben, die es wert sind, sich aufzuregen, verrückt zu machen oder zu ärgern! Und getreu diesem Motto machten wir uns keine großen Gedanken und ließen einfach alles auf uns zukommen. Wir sind zusammen und haben Zeit für uns, Zeit die Welt zu entdecken… und das ist schließlich alles was zählt!

Angekommen in Tirana funktionierte alles wie vor ein paar Monaten… Rucksäcke schnappen, einreisen, danach Geld, lokale SIM-Karte und Mietwagen holen und auf ins Unbekannte. Da unsere Route grob feststand, fuhren wir erst einmal Richtung Norden in unser erstes Hotel am Strand.

Schnell merkten wir, dass die Saison vorbei (oder vielleicht auch noch nie da) war. Es war keine Menschenseele weit und breit, außer ein paar Einheimische (im übrigen ausschließlich Männer, da die Frauen in den ländlichen Gegenden kaum Haus und Hof verlassen). Sogar im Hotel sind wir die einzigen Gäste, was wahrscheinlich auch die Bauarbeiter dazu veranlasste, den Presslufthammer extra tief und laut in die Wand unseres Untergeschosses zu hauen! Da wir aber am Nachmittag schon ahnten, dass die in Jeans, Strickpullover und leichten Turnschuhen bekleideten jungen, hochmotivierten Herren nicht sehr ausdauernd sind, hatten wir schnell wieder Ruhe. Nachdem wir das einzig offene Strandrestaurant weit und breit gefunden hatten, richtig lecker gegessen haben und es Wein aufs Haus gab – die albanische Gastfreundschaft lässt grüßen, ließen wir den ersten Tag gemütlich ausklingen.

Allein im Hotel, irgendwo in der Pampa Westalbaniens… wer uns besser kennt, der weiß, dass in solchen Momenten zumindest eine von uns leichte Ausschläge der Pulsfrequenz bekommt 🙂 Wir liegen im Bett, versuchen zu schlafen, der Wind pfeift durch jede Ritze und die Wellen peitschen in sicherer Entfernung Richtung Strand. Dennoch hören wir jedes nicht natürliche Geräusch, glauben mitten in der Nacht Schritte wahrnehmen zu können und stehen bei einem kurzen Ruck an der Tür zeitgleich neben unserem Bett. Beängstigend… wenn man sich mit maximal einem Stuhl wehren könnte! Doch ein kurzer Blick aus dem Fenster lässt uns (mehr oder weniger) beruhigt zurück ins Bett fallen… hier ist keiner… und trotzdem bleibt es eine eher schlaflose Nacht.

Müde und mit dicken Augenringen beschließen wir, uns für die kommende Nacht ein größeres Hotel in einer bewohnten Gegend, in Stadtnähe zu suchen. Unsere Wahl fällt auf den zweitgrößten Ort des Landes, Dûrres. In der Annahme, dass wir hier eine ruhigere Nacht verbringen, freuen wir uns auf die neue Unterkunft und den Tag, welcher vor uns liegt.

Heutiges Ziel ist eine kleine Landzunge, das Kap Rodon. Es ist eine in die Adria hinauslaufende, fast zehn Kilometer lange Landspitze in Mittelalbanien. Neben alten Klöstern und wundervollen Küstenabschnitten finden wir auch die für Albanien typischen Bunkeranlagen. Etwa 200.000 davon entstanden zwischen 1972 und 1984. Die Bunker sollten der Verteidigung des Landes im Falle eines Angriffs durch ausländische Truppen dienen. Getreu der albanischen Staatspropaganda der 70er Jahre „Das Vaterland zu verteidigen ist eine Pflicht über allen anderen Pflichten.“ stehen die Bunker wie überdimensionale Pilze heute noch im ganzen Land.

Auch hier ist die Anzahl der Besucher überschaubar, was genau unseren Geschmack trifft und wir können die Landschaft und die Ruhe ganz allein genießen, bevor wir am Nachmittag in einem kleinen Restaurant unweit des Kaps einkehren.

Was dann passierte, können selbst Wir2 bis heute nicht glauben! 

Es ist für albanische Verhältnisse wahrscheinlich eine etwas gehobenere Gaststätte, die Tische sind mit weißen, sauberen Stofftischdecken gedeckt, im Eingangsbereich steht ein überaus gut gefülltes Weindepot und die Kellner sind schick gekleidet. Wir haben ein gemütliches, schattiges Plätzchen im Außenbereich gefunden und fühlen uns herzlich willkommen. Während unserer Wahl der Vor- und Hauptspeise, irgendwo zwischen den Zeilen des griechischen Salats und des Meeresfrüchte-Rissottos… fängt plötzlich, wie aus dem Nichts, der Boden unter uns an zu vibrieren… unsere Füße wackeln, erst langsam und dann immer heftiger. In unserer Naivität (ja… diese Erfahrung blieb uns bis dato erspart) dachten wir zuerst an einen tonnenschweren LKW oder Bagger, der unmittelbar vorm Durchbruch der Wand des Restaurants steht oder sonstige Dinge, welche Männer so auf DMAX anschauen!!! Wir2 hatten doch keine Ahnung! 

Doch als die dicken Holzpfeiler, das mit Weinreben behangene Dach und die massiven Wände des Hauptgebäudes ebenfalls anfingen zu wackeln und sich zu bewegen, wussten wir, dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit keine unserer Ideen sein kann.

Während die Kellner und das Küchenpersonal das Gebäude bereits verließen, saßen wir wie gelähmt an unserem Tisch und fühlten uns völlig hilflos. Als Eine von uns doch irgendwie dem Automatismus der Anderen ohne groß nachzudenken folgte und sich ein paar Meter vom Tisch entfernte, blieb die Andere einfach sitzen und beobachtete das Treiben ohne jegliche Regung mit ihren großen blauen Augen! Mit den schroff ausgesprochenen Worten: „Komm jetzt mit her!“, waren allerdings auch schon um die 30 Sekunden vergangen und nichts war mehr zu spüren. Noch immer wussten wir die Situation nicht wirklich einzuordnen. Ist das jetzt ernst? Müssen wir hier weg? Und was zum Teufel war das überhaupt??? Doch da sich alle wieder recht schnell an die ursprünglichen Arbeiten machten, wichen wir von unserem Plan (schließlich haben wir Hunger) auch kein Stück ab und bestellten unser Essen. Keine viertel Stunde später stand unser Salat auf dem Tisch, der Boden, die Pfeiler und die Wände fingen erneut an, sich von unten in Wallung zu bringen und wir (hatten vom ersten Mal bereits gelernt!) folgten dem Personal des Restaurants in sichere Entfernung. Mittlerweile wussten wir, dank des World Wide Webs , dass die Erde in Albanien bebt. Doch was macht man mit diesem Wissen in einer solchen Situationen? Richtig… das, was alle anderen machen! Erstmal nichts! Und sobald die Erde sich beruhigt… zurück zum Ausgangspunkt. Ehrlich gesagt, hatten wir absolut keine Ahnung über die Ausmaße sowie über die Ängste, welche Katastrophen wie diese auslösen können!

Eine der ersten Twitter-Meldungen nach dem Hauptbeben.

Erst am nächsten Tag erreichten die Schlagzeilen die Tagesschau.
Was wir im Außenbereich des Restaurants noch ganz gut verarbeiten könnten, holte uns im Hotel am Abend schneller ein als gedacht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche krassen Urängste in jedem entstehen, wenn man einer solchen Kraft der Natur ausgesetzt ist! Von den über 300 Nachbeben, haben mindestens fünf weitere durch ihre Stärke unsere Hotelwände und -betten wackeln lassen. Während wir das Hotel gegen Mitternacht unter leichter Panik noch einmal verließen, blieben wir während der weiteren Erschütterungen im Zimmer und versuchten uns gegenseitig zu beruhigen. Ein unbeschreibliches tiefsitzendes Angstgefühl, welches wir hoffentlich nicht noch einmal erleben müssen!

Auch das lesen wir in unserer Verzweiflung!
So blöd das auch klingen mag… Aber selten waren wir so erleichtert, die Sonne am nächsten Morgen aufgehen zu sehen. Ein letztes kurzes Rütteln unseres Bettes holte uns viel zu früh aus dem leichten Schlaf der vergangenen Nacht. Nach dem Frühstück kehrten wir der Küstenregion vorerst den Rücken und starten in Richtung Albanische Alpen.

Sicherlich kann man sich darüber streiten, ob die „Flucht“ in die Berge, die Fahrt entlang tiefer Schluchten und durch kilometerlange Tunnel in einer solchen Situation die beste Wahl ist, aber zumindest war die Strecke wunderschön und unser italienischer Hotelier versicherte uns in gebrochenem Englisch, dass wir „safe“ sind und er hier, inmitten der Alpen, fünf Autostunden entfernt von der Küste, nichts von alledem mitbekommen hat! Sein Wort in Gottes Ohr! Nach einem überaus leckerem Essen inklusive einheimischem Bier, welches wir in einem ausgetrockneten Flussbett genießen, wurde das die bisher beste Nacht für uns in Albanien 🙂

Doch die nächste „kleine Geschichte“ ließ nicht lange auf sich warten. In die Alpen fahren, heißt natürlich wandern gehen! Ausgeschlafen und nach einem leckeren, liebevoll zubereiteten Frühstück wollten wir eine der unzähligen Routen inmitten dieser tollen Landschaft laufen. Wir hatten uns für einen 12-Kilometer-Trail entschieden. Alle Zeichen, tatsächlich auch die der mit Abstand unzuverlässigsten Apple-Wetter-App, standen auf Regen! Aber wir ignorierten das einfach alles weg… eiskalt blendeten wir dieses unwichtige Detail aus!

Das klappte super! …zumindest die ersten drei Kilometer, dann öffnete sich irgendwo ein Ventil und schüttete bis zum Abend volle Wassereimer über uns aus. Fluchend und nass bis auf den Schlüpfer stapften wir zum Auto zurück, fuhren ins Hotel, duschten und legten uns ins Bett… das war 13Uhr!!! Ein perfekter Zeitpunkt für Mittagsschlaf und dann Netflix- und Filmenachmittag, dachten wir. Doch gegen 15Uhr verabschiedete sich der Strom, was leider eine nicht unerhebliche Voraussetzung unserer weiteren Planung war. Selbst die Elektrizität hatte wahrscheinlich keinen Bock mehr! Das läuft doch richtig klasse mit uns in Albanien 🙂

Wäre in dieser Nacht nicht das mit Abstand lauteste, mit an die Wucht von Explosionen (also so muss das ungefähr klingen, wenn ein Sprengstofflager in die Luft geht) grenzenden Mega-Donnern und Blitzen gewesen, hätten wir sicher richtig gut und lange geschlafen 😉